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Wendelstein 7-X
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Wendelstein 7-X (W7-X) ist eine Experimentieranlage zur Erforschung der Kernfusionstechnik, die in Greifswald vom Max-Planck-Institut fĂźr Plasmaphysik (IPP) betrieben wird. Die Hauptkomponente ist ein Stellarator. Mit W7-X sollen die physikalischen und technischen Grundlagen untersucht sowie die prinzipielle Kraftwerkstauglichkeit von Kernfusionsreaktoren des Stellarator-Typs demonstriert werden; fĂźr eine nennenswerte Freisetzung von Fusionsenergie ist diese Anlage nicht vorgesehen. Andere Forschungsanlagen wie der im Bau befindliche ITER arbeiten nach dem Tokamak-Prinzip. FĂźr welches Reaktorkonzept man sich bei einem zukĂźnftig eventuell realisierbaren Fusionsleistungsreaktor entscheiden wird, ist zurzeit noch nicht abzusehen.
KernstĂźck der Anlage ist ein torusfĂśrmiger Magnetfeldkäfig mit einem Radius von 5,5 Metern, der das 100 Millionen Grad heiĂe Plasma einschlieĂt. Dieser Käfig besteht aus einem Kranz von 50 supraleitenden, etwa 3,5 Meter hohen Magnetspulen aus Niob-Titan. Die Masse des eingeschlossenen Plasmas beträgt nur 5 bis 30 Milligramm, die sich auf ein Volumen von etwa 30 Kubikmetern verteilen.cite-ref-1[1] Die Anlage ist neben dem Large Helical Device in Japan die weltweit grĂśĂte Forschungsanlage vom Typ Stellarator.
In der Anlage wurde Ende 2015 das erste Helium-Plasmacite-ref-2[2], Anfang 2016 das erste Wasserstoff-Plasma erzeugt.cite-ref-3[3] Um ein flexibles Experimentieren zu ermÜglichen, verwendet Wendelstein 7-X im Gegensatz zu ITER und den fßr die Zukunft geplanten Kernfusionsreaktoren kein Gemisch aus Deuterium und radioaktivem Tritium, sondern in der ersten Experimentphase ein Plasma aus reinem gewÜhnlichem Wasserstoff, so dass keine Neutronen freigesetzt werden. Später soll ein Protium-Deuterium-Gemisch verwendet werden, das dann zu Helium-3 oder Tritium fusioniert. Allerdings ist bei den geplanten Temperaturen und Dichten die Fusionsrate sehr gering, so dass nur wenige Neutronen freigesetzt werden. Die Aktivierung der Reaktormaterialien ist dadurch im Vergleich mit zukßnftigen Leistungsreaktoren sehr gering. Das Experiment Wendelstein 7-X soll in erster Linie die Einschlusseigenschaften eines optimierten Stellarators sowie dessen Dauerbetriebsfähigkeit untersuchen.cite-ref-milch2019-4-0[4] 2025 stellte das Fusionsprojekt in einer 43 Sekunden langen Entladung einen neuen Rekord des Tripelproduktes fßr langlebige Plasmen auf.cite-ref-5[5]
Contents
⢠Magnetsystem
⢠Kryostat
⢠Stßtzstrukturen
⢠Plasmaheizung
⢠Projektverlauf
⢠Montage
⢠Kritik
⢠Finanzierung
⢠Deutschland
⢠Europa
⢠Japan
⢠Weblinks
⢠Videos
⢠Einzelnachweise
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Geschichte und Namensgebung
FĂźr die frĂźhen Stellarator-Experimente am Princeton-Labor fĂźr Plasmaphysik hatte man den Namen Matterhorn gewählt, als klar wurde, dass die Fusionsforschung so mĂźhevoll werden wĂźrde wie eine Bergbesteigung. Die ersten deutschen Stellaratoren standen im bayerischen Garching bei MĂźnchen. Der Name des Berges Wendelstein in den Bayerischen Alpen wurde bereits Ende der 1950er-Jahre in Anspielung auf die Matterhorn-Experimente gewählt.cite-ref-6[6] Auch die gewendelte, verdrillte Form der Magnetfeldlinien kĂśnnte bei der Benennung eine Rolle gespielt haben. Die Nummer 7 folgte auf die Stellaratoren der Typen 1 und 2 sowie die Experimente Wendelstein 3â6, die allerdings keine Stellaratoren waren.cite-ref-7[7] Der erste groĂe Stellarator am IPP war im Jahr 1975 der W7-A. 1988 folgte W7-AS, der erste Stellarator mit optimierten, modularen Spulen. Wendelstein 7-X ist das direkte Nachfolgeexperiment von W7-AS, mit grĂśĂeren Dimensionen und zahlreichen Verbesserungen.
Grundlagen und Ziele des Projekts
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Hauptartikel
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Kernfusion
Mit der Fusionsforschung soll die MÜglichkeit der kommerziellen Erzeugung von elektrischer Energie aus der Verschmelzung von Atomkernen erforscht werden. Die Energie der im Kernfusionsreaktor erzeugten freien Neutronen wßrde dazu in Wärmeenergie umgewandelt und wie in anderen Wärmekraftwerken in einer Turbine mit Generator zur Stromerzeugung genutzt.
Stellaratoren erzeugen das zum EinschlieĂen des Plasmas nĂśtige, torusfĂśrmige Magnetfeld und seine notwendige Verdrillung ausschlieĂlich Ăźber auĂerhalb des PlasmagefäĂes angeordnete stromdurchflossene Spulen. Damit sind Stellaratoren intrinsisch fĂźr kontinuierlichen Betrieb geeignet. Die Spulen des Wendelstein 7-X werden mit flĂźssigem Helium auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt gekĂźhlt und sind dadurch supraleitend. Ein einmal eingespeister Strom kann darin ohne elektrischen Widerstand beliebig lange flieĂen und das Magnetfeld dauerhaft aufrechterhalten. Obwohl Wendelstein 7-X die Eigenschaften von Plasmen im Dauerbetrieb untersuchen soll, ist die jeweilige Plasmadauer aus praktischen GrĂźnden (GrĂśĂe der benĂśtigten KĂźhlanlage, Betriebskosten) auf jeweils maximal 30 Minuten begrenzt. Dies ist fĂźr die Experimente ausreichend, da sich vor Ablauf dieser Zeitspanne alle relevanten Prozesse im Gleichgewicht befinden.
Das zum Stellarator alternative Tokamak-Prinzip erzeugt die verdrillende Komponente des Magnetfeldes durch einen im Plasma selbst flieĂenden Strom, der im Plasmaring induziert werden muss (etwa wie in der Sekundärwicklung eines Transformators). Dadurch kĂśnnen Tokamaks zunächst nicht kontinuierlich, sondern nur im Pulsbetrieb arbeiten â beim derzeit im Bau befindlichen Experiment ITER werden Pulsdauern von etwa 400 s angestrebt. Ob und wie in Tokamaks ein Strom im Plasma dauerhaft aufrechterhalten werden kann, ist Gegenstand aktueller Forschung.
Technik und Daten
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Hauptartikel
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Stellarator
Wendelstein 7-X ist der grĂśĂte einer neuen Generation sogenannter optimierter Stellaratoren. Diese nutzen die GestaltungsmĂśglichkeiten eines Systems von modularen, nicht-ebenen Magnetfeldspulen. Das fĂźr Wendelstein 7-X entwickelte System aus 50 nicht-planaren Spulen nutzt fĂźnf unterschiedliche Spulentypen. Das Magnetfeld, welches das heiĂe Plasma einschlieĂt, kann hinsichtlich der fĂźr einen Reaktorbetrieb notwendigen Kriterien optimiert werden:
⢠Insbesondere schnelle heiĂe Plasmateilchen tendieren dazu, aus dem dreidimensional geformten Stellarator-Magnetfeld herauszudriften. Damit wĂźrde dem Plasma Energie verlorengehen und es wĂźrde auskĂźhlen. In einem optimierten Stellarator kann dieser Effekt minimiert werden. In einem streng ringfĂśrmigen, d. h. kontinuierlich rotationssymmetrischen Magnetfeld wie im Tokamak ist dieses Driften der Teilchen bereits aus grundsätzlichen GrĂźnden wesentlich weniger ausgeprägt.
⢠Diese optimierten Eigenschaften mĂźssen auch dann erhalten bleiben, wenn mit steigender Temperatur und damit steigendem Druck das Plasma beginnt, das Magnetfeld zu beeinflussen, d. h. zu âverbeulenâ. Insbesondere muss die durch den Druck bedingte Verschiebung des Plasmarings nach auĂen (dieser Vorgang ist vergleichbar einem Fahrradschlauch, der beim Aufpumpen ohne Mantel grĂśĂer wird) minimiert werden. Minimiert werden mĂźssen auch Instabilitäten des Plasmas, die durch die hohen Druckunterschiede zwischen innerem und äuĂerem Plasma angetrieben werden.
Wendelstein 7-X basiert dabei auf einem integrierten Optimierungs-Konzept, dem sogenannten HELIAS (HELIcally Advanced Stellarator), das auf frßheren Wendelstein-Experimenten aufbaut und am IPP Garching Ende der 1980er-Jahre entwickelt wurde. Das gewählte sogenannte quasi-isodynamische Magnetfeld erfßllt die beiden oben genannten Kriterien gleichzeitig und erlaubt sogar noch darßber hinausgehende Optimierungen. Diese werden genutzt, um auch noch elektrische StrÜme im Plasma zu minimieren, die von diesem selbst erzeugt werden, was zu einer weiteren Stabilisierung fßhrt.
Das in Garching bis 2002 betriebene Vorläufer-Experiment Wendelstein 7-AS hatte trotz einer noch unvollständigen Optimierung bereits gezeigt, dass die Eigenschaften des Plasmas in der gewĂźnschten Weise beeinflusst werden kĂśnnen. Im Rahmen des Projekts Wendelstein 7-X sollen die Richtigkeit dieses Optimierungskonzepts ĂźberprĂźft und darĂźber hinaus technische Vorbedingungen fĂźr den Dauerbetrieb eines heiĂen Fusionsplasmas untersucht werden:
⢠Es muss gezeigt werden, dass das dreidimensionale Magnetfeld trotz der GrĂśĂe der Komponenten und der hohen Komplexität der Anlage mit ausreichender Genauigkeit und Symmetrie erzeugt werden kann. Zu groĂe Abweichungen kĂśnnten einerseits zu lokalen StĂśrungen im Magnetfeld (sogenannten magnetischen âInselnâ) fĂźhren oder zu einer unsymmetrischen Belastung der Wärmetauscher-Elemente der ersten Wand (Divertor) und damit zu deren Ăberhitzung. Dort vom Plasma durch sogenanntes Sputtern aus der Wand herausgeschlagene Atome wĂźrden das Plasma verunreinigen und auskĂźhlen lassen.
⢠Alle dem Plasma zugewandten Komponenten â an hochbelasteten Stellen Graphitkacheln, ansonsten Edelstahlstrukturen â mĂźssen wie später in einem kommerziellen Reaktor gekĂźhlt werden. Gleichzeitig ist wenige Zentimeter dahinter der Betrieb der supraleitenden Magnetfeldspulen bei etwa â270 °C sicherzustellen.
⢠Heizung, Diagnostik und deren Ăberwachung mĂźssen fĂźr den Dauerbetrieb in einem Reaktor entwickelt werden.
| Mittlerer groĂer Radius des Plasmas | 5,5 m |
|---|---|
| Mittlerer kleiner Radius des Plasmas | 0,53 m |
| Volumen des Plasmas | â 30 mÂł |
| Masse des Plasmas | 5â30 mg |
| Erwartete Dichte des Plasmas | bis zu 1,5 ¡ 10 20 Teilchen / m 3 |
| Erwartete Temperatur der Elektronen | bis zu 150 Millionen K |
| Erwartete Temperatur der Ionen | bis zu 50 Millionen K |
| Angestrebte Einschlussdauer (Langpuls-Betrieb) | 30 min |
| Volumen des PlasmagefäĂes | â 50 mÂł |
| Vakuumgefäà | Durchmesser: 16 m; HÜhe: 5 m |
| Magnetfeldstärke auf der Achse | 3 Tesla |
| Plasmaheizung (erste Betriebsphase) | Mikrowellenheizung : 0 8 MW Neutralteilcheninjektion : max. 10 MW |
| Plasmaheizung (Langpuls-Betrieb) | Mikrowellenheizung: 10 MW Neutralteilcheninjektion: max. 10 MW (10-s-Pulse) |
Komponenten des Stellarators
Magnetsystem
Das Stellarator-Magnetfeld hat bei W7-X eine fßnfzählige Symmetrie; von oben betrachtet ist das Plasma daher nicht exakt kreisfÜrmig, sondern tendiert zu einem Fßnfeck. Das beruht auf den fßnf gleichen Modulen, aus denen W7-X aufgebaut ist. Jedes Modul enthält zehn nicht-planare supraleitende Spulen und ist in sich nochmals klappsymmetrisch, so dass jeder Spulentyp im Modul doppelt vorkommt. Die insgesamt 50 nicht-planaren Spulen setzen sich daher aus nur fßnf verschiedenen Typen zusammen, was Fertigung und Montage erleichtert. Obwohl dieses Magnetfeld zum Plasma-Einschluss ausreicht, ist W7-X mit weiteren Spulensystemen ausgerßstet, um das Magnetfeld variieren und ggf. fßr Experimente optimieren zu kÜnnen:
⢠In jeder Modulhälfte erlauben zwei planare supraleitende Spulen, die gegensätzlich schräg stehen, je nach ihrer Verschaltung sowohl die toroidale Komponente und damit die Rotationstransformation zu variieren, als auch ein zusätzliches Vertikalfeld zu erzeugen, mit dem das Plasma radial etwas verschoben werden kann.
⢠Ein Fusionsreaktor benĂśtigt einen Divertor, wo Teilchen, die den inneren Einschlussbereich des Magnetfeldes verlassen, mittels einer Magnetfeldstruktur gezielt auf dafĂźr vorgesehene Prallplatten gelenkt werden. Bei der fĂźr W7-X gewählten Konfiguration entstehen solche Strukturen als magnetische Inseln am Plasmarand von selbst, ohne dass dafĂźr wie in Tokamaks noch separate Divertorspulen benĂśtigt werden. Um die GrĂśĂe dieser magnetischen Inseln und damit die Verteilung der Belastung auf den Prallplatten variieren zu kĂśnnen, sind im Plasmagefäà dicht hinter jedem der zehn Divertoren normalleitende Zusatzspulen angebracht.
⢠AuĂerhalb des VakuumgefäĂes wurden fĂźnf normalleitende Trimmspulen installiert, die erlauben wĂźrden, eine eventuelle baubedingte Asymmetrie des Magnetfeldes auszugleichen und so eine ungleichmäĂige Belastung der Divertoren zu verhindern.
In den supraleitenden nichtplanaren Spulen (Masse je etwa 6 t, Durchmesser jeweils etwa 3,5 m) flieĂt der Strom mit typischen Stromstärken um 20 kA in Fasern aus einer Niob-Titan-Legierung, die bei Temperaturen unterhalb 10 Kelvin supraleitend ist; erst oberhalb dieser Sprungtemperatur weist sie einen elektrischen Widerstand auf. Die NbTi-Fasern sind in Kupferdrähte eingebettet und zu einem etwa 1 cm dicken Kabel verdrillt, von dem sich je Spule 120 Windungen in einer AluminiumhĂźlle befinden. Dieses Kabel wird durch flĂźssiges Helium auf 4 K gekĂźhlt, das bei Normaldruck in den feinen Kapillaren zwischen den Kupferdrähten flieĂt (SiedekĂźhlung).
Alle supraleitenden Spulen wurden vor dem Zusammenbau unter Betriebsbedingungen hinsichtlich Temperatur, Supraleitung und Magnetfeld qualifiziert. Dabei wurden auch Quench-Tests durchgefĂźhrt. Bei einem Quench geht infolge einer lokalen Erwärmung die Supraleitung verloren: der Strom flieĂt dann in den normalleitenden Kupferadern der Spule, die vorsorglich fĂźr solche Fälle dimensioniert sein mĂźssen. Dort fallen dann wegen der groĂen Stromstärken und des jetzt vorhandenen Widerstands hohe Spannungen an, die zusammen mit Restgas im Vakuum zu SpannungsĂźberschlägen fĂźhren und die Isolation beschädigen kĂśnnten. Um dies und eine Ăberhitzung der Spule bei einer solchen StĂśrung zu vermeiden, wird laufend die Spannung an den Spulen gemessen und bei Auftreten eines kritischen Wertes der Strom auĂerhalb des Experiments in Widerstände gelenkt, um dort die Energie als Wärme abzugeben.
PlasmagefäĂ, Divertor und erste Wand
Das Plasmagefäà aus Edelstahl ist der dreidimensionalen Form des Plasmas angepasst und trennt das Plasma vom Isoliervakuum, das die supraleitenden Spulen umgibt. Den Zugang von auĂen durch das Isoliervakuum zum Plasma erlauben 255 tunnelartige Ăffnungen (Ports).
Plasmaseitig ist ein wassergekĂźhlter Wandschutz vorgebaut: fĂźr hochbelastete Stellen â vor allem auf der Torusinnenseite â ein mit Graphitkacheln armierter Hitzeschild aus wassergekĂźhlten CuCr1Zr-Plattencite-ref-9[9] (maximale lokale Belastung 500 kW/m², mittlere Belastung 250 kW/m²), an geringer belasteten Stellen wasserdurchflossene Edelstahlpaneele (maximale lokale Belastung 200 kW/m², mittlere Belastung 100 kW/m²).
Auf die wassergekĂźhlten Prallplatten der insgesamt zehn Divertoren â pro Modul jeweils einer oben und unten â werden diejenigen Teilchen (z. B. die unvermeidlichen Verunreinigungen) gelenkt, die aus dem Einschlussgebiet des Magnetfeldes entfernt werden mĂźssen. Die Prallplatten aus CFC (Carbon Fibre Carbon Composite) auf wassergekĂźhlten CuCr1Zr-Fingern sind fĂźr eine lokale Wärmelast von 10 MW/m² im Langzeitbetrieb ausgelegt, was den Grenzen des technisch Realisierbaren entspricht. Die Geometrie des Divertors und des Magnetfeldes davor hilft, mĂśglichst viel der Energie in Strahlung umzuwandeln und dadurch gleichmäĂiger zu verteilen. Hinter dem Divertor eingebaute Pumpen helfen den RĂźckstrom von neutralisierten Wasserstoffatomen zurĂźck ins Plasma zu kontrollieren. Neutrale Wasserstoffatome, die z. B. aus den Prallplatten ausgasen, werden vom Magnetfeld nicht beeinflusst und wĂźrden ansonsten mĂśglicherweise die Teilchendichte im Zentralplasma unkontrolliert ansteigen lassen. Gleichzeitig wird das Eindringen von Verunreinigungen, die beim Aufprall der Plasmateilchen aus den Prallplatten herausgeschlagen werden, in das Hauptplasma erschwert.
In der ersten Experimentphase wird der endgĂźltig vorgesehene Langpuls-Divertor (High Heatflux Divertor, HHF) zur Minimierung von Entwicklungsrisiken durch eine geometrisch identische, aber nur durch thermische Trägheit gekĂźhlte Test Divertor Unit (TDU) ersetzt. Diese lässt zwar nur Versuchszeiten von etwa 10 s zu, ist aber unempfindlicher gegen kurzfristige lokale Ăberhitzung und erlaubt so, zunächst Erfahrung mit dem Divertorbetrieb zu sammeln und ggf. kritische Stellen hinsichtlich Ăberhitzung zu identifizieren. FĂźr eine DauerkĂźhlung dĂźrfen die Oberflächen der Prallplatten nicht zu weit vom KĂźhlwasser entfernt sein â d. h. die Prallplatten dĂźrfen nicht zu dick sein â um die Temperaturdifferenzen zum KĂźhlwasser nicht zu groĂ und damit die Maximaltemperaturen nicht zu hoch werden zu lassen. Ein Divertor fĂźr den Dauerbetrieb ist daher Ăźberraschenderweise gegen kurzfristige Ăberhitzung empfindlicher als ein ungekĂźhlter, der wegen seiner dickeren Wandstärke ein trägeres Temperaturverhalten hat.
Kryostat
Die supraleitenden Spulen und die sie tragenden Stahlstrukturen mĂźssen sowohl gegen die Umgebung als auch gegen das heiĂe Plasma thermisch isoliert werden. Sie befinden sich dazu in einem sogenannten Kryostaten nach dem Prinzip einer Thermoskanne (allerdings ist hier â im Gegensatz zum heiĂen Tee â das kalte Objekt innen): Die Spulen befinden sich dazu in einem Vakuumtank, der durch das Plasmagefäà einerseits und das AuĂengefäà der Anlage andererseits gebildet wird. Kryoschilde umgeben die Spulen und halten â selbst gekĂźhlt â restliche Wärmestrahlung von ihnen ab. Den Zugang durch dieses Vakuumgefäà und zwischen den supraleitenden Spulen hindurch zum Plasma â etwa fĂźr Heizung, KĂźhlleitungen oder Diagnostik â ermĂśglichen 255 etwa 1,8 m lange ebenfalls wärmeisolierte Stutzen (sogenannte Ports).cite-ref-10[10]
StĂźtzstrukturen
Sämtliche supraleitenden Spulen hängen an einer zentralen Ringstruktur und mßssen auch gegeneinander abgestßtzt werden, da sie sich mit Abkßhlen auf Arbeitstemperatur und mit dem Einschalten der Magnetfelder gegeneinander bewegen. Dabei treten zum Teil ganz erhebliche Kräfte auf, was die Anzahl der zulässigen Betriebszyklen der Anlage begrenzt. Um Materialermßdung zu vermeiden, wird man daher die Zahl der Konfigurationswechsel mÜglichst begrenzen und das mit Supraleitung erzeugte Magnetfeld jeweils ßber einen längeren Zeitraum (z. B. eine Woche) unverändert lassen. Insgesamt beträgt die Masse des Stellarators etwa 800 t, wovon 425 t kalt gefahren werden mßssen. Ein Abkßhlvorgang dauert voraussichtlich 1 bis 2 Wochen (1 bis 2 K pro Stunde).
Plasmaheizung
Wichtigste Heizmethode ist die Elektronen-Zyklotron-Resonanzheizung (ECRH) mit Mikrowellenstrahlen. Dabei werden die Elektronen, die sich im Magnetfeld aufgrund der Lorentzkraft auf Schraubenbahnen um die Feldlinien bewegen (âgyrierenâ), mit genau dieser Gyrationsfrequenz beschleunigt. Die verwendeten Magnetfelder haben eine Stärke von 2,5 T. W7-X ist hierfĂźr mit zehn Gyrotronsendern ausgestattet, die bei der benĂśtigten Gyrationsfrequenz von 140 GHz je einen Mikrowellenstrahl von etwa 1 MW erzeugen. Die Strahlen werden Ăźber eine Spiegeloptik in das Plasma gelenkt. Die fĂźr W7-X entwickelten und in der Mehrzahl bereits einsatzfähigen Sender sind die ersten Seriengyrotrons, die diese Leistung Ăźber eine halbe Stunde abgeben kĂśnnen. Das ECRH-System wurde Ăźber das Karlsruher Institut fĂźr Technologie (KIT) finanziert und vom KIT in Zusammenarbeit mit dem IGVP (frĂźher IPF) der Universität Stuttgart und dem ECRH-Team des IPP Greifswald aufgebaut und getestet.
FĂźr kĂźrzere Zeiten (jeweils 10 s lang, alle paar Minuten) stehen von Anfang an vier â in einer späteren Ausbaustufe acht â Neutralteilchen-Injektorquellen (PINIs) zur VerfĂźgung (aufgeteilt auf zwei Injektorboxen). Dies sind Teilchenbeschleuniger fĂźr Wasserstoffionen mit nachgeschaltetem Neutralisator, so dass letztlich neutraler Wasserstoff in das Plasma injiziert wird. Die neutralen Atome kĂśnnen in das Magnetfeld eindringen (Ionen wĂźrden am Magnetfeld abgelenkt). Jede Quelle liefert etwa 1,5 MW in das Plasma.
Die in der ersten Operationsphase erreichbare Heizleistung ist durch die Anzahl der zunächst fßnf zur Verfßgung stehenden Hochspannungs-Versorgungen auf maximal 13 MW begrenzt. Diese Leistung wird ßber ein Umspannwerk aus dem Netz entnommen.
Versorgungseinrichtungen
Zur Versorgung des Stellarators dienen die Helium-Kryoanlage, die Systeme zur WasserkĂźhlung, die Vakuumpumpen sowie die Anlagen zur Bereitstellung elektrischer Energie.
Während der Experimente mĂźssen trotz thermischer Dämmung 5 kW Wärmeleistung abgefĂźhrt werden, um die Magnete und ihre AbstĂźtzung (rund 425 Tonnen Material) auf Supraleitungstemperatur zu kĂźhlen bzw. kĂźhl zu halten.cite-ref-11[11] Diese dauerhafte KĂźhlung ist durch die Restwärmeleitfähigkeit der eingesetzten Dämmwerkstoffe bedingt. Bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt kann eine KĂźhlung nicht mehr von einer Ăźblichen Kältemaschine geleistet werden, sondern benĂśtigt flĂźssiges Helium, das bei 4,22 K (â268,93 °C) siedet. Dieses KĂźhlsystem muss in hohem MaĂ gasdicht sein, damit kein Helium in das Isoliervakuum des Stellarators eindiffundiert und dort die Isolation verschlechtert.cite-ref-doi10-1016-j-cryogenics-2011-03-005-12-0[12]
Projektverlauf
Die Grundlagen eines Stellarators mit Optimierung des Magnetfeldes nach dem in Garching entwickelten HELIAS-Konzept durch nichtplanare und supraleitende Spulen wurden auf der IAEA-Konferenz 1988 in Nizza vorgestellt und die weitgehend ausgearbeitete Bewerbung um Unterstßtzung durch die EU im August 1990 eingereicht.cite-ref-13[13]cite-ref-doi10-1063-1-860481-14-0[14] Im Umfeld der deutschen Wiedervereinigung war die Finanzierung eines solchen Projekts zunächst offen, eine versuchte Europäisierung scheiterte trotz positiver internationaler Begutachtung und Empfehlung an die EU-Kommission im Mai 1994. Die Option, das Projekt in den neuen Bundesländern zu installieren, fßhrte ßber die Grßndung eines IPP-Teilinstituts in Greifswald 1996 sowohl zur nationalen Finanzierung im Rahmen einer Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Bundesforschungsministerium und den Kultusministerien von Mecklenburg-Vorpommern und Bayern als auch, nach einer zweiten europäischen Begutachtungsphase, zu einer Finanzierungszusage der EU-Kommission.
Der 1997 begonnene Neubau des Instituts wurde im April 2000 bezogen. Ende 2003 konnten die ersten GroĂkomponenten â eine nichtplanare supraleitende Spule und der erste Sektor des PlasmagefäĂes â geliefert werden. 2005 wurde mit der Montage des ersten der Halbmodule begonnen. Es zeichnete sich aber ab, dass der Ăbergang von bisherigen GroĂlabor-Experimenten zur Komplexität eines dauerhaft mit supraleitenden Spulen betriebenen Stellarators mit der Notwendigkeit, alle Komponenten im Gefäà zu kĂźhlen, nicht in der Struktur einer W7-X-Aufbauabteilung mit Industriebetreuung realisierbar war. Die notwendige Umstrukturierung und personelle Verstärkung fĂźhrte zur 2004 gegrĂźndeten Unternehmung W7-X mit insgesamt acht Teilbereichen und etwa 480 Mitarbeitern während der Bauphase und einem nach ISO 9001 zertifizierten und vom TĂV-Nord CERT seit 1/2010 regelmäĂig Ăźberwachten Qualitätsmanagement. Dieses in einem wissenschaftlichen Experiment eher seltene Vorgehen wurde gewählt, um zu zeigen, wie trotz der Komplexität einer solchen Fusionanlage die geforderten technischen Eigenschaften dem Stand von Wissenschaft und Technik gemäà erreicht werden kĂśnnen. Das Qualitätsmanagement betrifft die DurchfĂźhrung und Dokumentation aller Arbeits- und Designprozesse, die Spezifikation aller Komponenten und ihrer Schnittstellen, die Vergabe und Ăberwachung der Komponentenherstellung sowie den Umgang mit Qualitätsabweichungen und die Ăberwachung aller Montageschritte.
2008 wurde die letzte der supraleitenden nichtplanaren Spulen erfolgreich getestet.cite-ref-15[15] Seit September 2011 ist mit dem fĂźnften Modul der Torus in der Experimenthalle vollständig. Die letzte SchweiĂverbindung der Module wurde Mai 2013 geschlossen. Im Herbst 2012 begann die komplexe Montage der Komponenten innerhalb des PlasmagefäĂes und der Aufbau der Peripherie in der Experimenthalle. Die Montage und Verrohrung des Stellarators selbst wurde planmäĂig im Mai 2014 abgeschlossen, so dass mit der schrittweisen Inbetriebnahme begonnen werden konnte: Seit Herbst 2014 besteht das Isoliervakuum im Kryostaten. Das Plasmagefäà selbst wurde nach Ende der fĂźr die erste Experimentphase benĂśtigten Inneneinbauten und Diagnostik-Kalibrierarbeiten im März 2015 geschlossen. Im April 2015 wurde nach einer gut dreiwĂśchigen AbkĂźhlphase die Arbeitstemperatur der supraleitenden Spulen von 3,8 K erreicht, so dass Ende April mit den Tests der supraleitenden Spulen begonnen werden konnte. Nach den erfolgreichen Tests der Magnetfelder â auch im Dauerbetrieb â beendete eine Vermessung des Magnetfeldes mit Elektronenstrahlen den Aufbau des Stellarators. Dabei wurde nicht nur der zwiebelschalenartige Aufbau des Magnetfeldes in geschlossenen Flussflächen nachgewiesen, sondern es zeigte sich auch eine sehr geringe Abweichung von der berechneten Magnetfeldstruktur; eine Bestätigung der hohen Präzision beim Aufbau des Experiments.cite-ref-16[16]
Montage
Die Entwicklung und der Bau des Stellarators mit seinen nichtplanaren supraleitenden Magnetspulen mĂźssen als Teil des Projekts betrachtet werden.
FĂźr jedes der fĂźnf nahezu baugleichen Module â bestehend aus dem zugehĂśrigen Segment des PlasmagefäĂes, nach auĂen hin umgeben vom Kryoschild, Magnetspulen und StĂźtzstrukturen â wurden auĂerhalb der Torushalle zwei Halbmodule vormontiert und dann zu einem Modul zusammengefĂźgt und instrumentiert. Letzteres betrifft die Verrohrung der Helium-KĂźhlleitungen, StromzufĂźhrungen und Hochspannungskabel sowie Diagnostiken zur Quench-Detektion, Sensoren fĂźr die Bewegung der supraleitenden Spulen in ihrem Magnetfeld oder kleine Spulen zur Messung der Magnetfeld-Veränderungen, die von im Plasma und im Plasmagefäà flieĂenden StrĂśmen herrĂźhren (Rogowskispulen). Die Bauzeit eines Moduls betrug insgesamt jeweils 28 Wochen, seine Masse etwa 100 t.
Zur Montage wurde jedes Modul in der Torushalle zunächst in die ebenfalls mit einem Kryoschild versehene untere Hälfte (Unterschale) des VakuumgefäĂes/AuĂengefäĂes gehoben und dort die Instrumentierung vervollständigt. Diese Baugruppe wurde dann auf ihren endgĂźltigen Platz auf dem Maschinenfundament (s. Bild) in der Experimenthalle gebracht, wo sie zunächst mit zusätzlichen HilfsstĂźtzen gehalten werden musste, solange der zentrale Tragring nicht geschlossen war. Die anschlieĂende Stutzenmontage verband Plasmagefäà und AuĂengefäà und war zeitraubend, da der Einbau der Stutzen mit ihren jeweiligen Strahlungsschilden und die notwendigen SchweiĂverbindungen unter vergleichsweise engen Bedingungen durchgefĂźhrt und qualifiziert werden musste, da alles anschlieĂend nur noch bedingt zugänglich ist. Erst danach konnten die Module untereinander verbunden und nach Ende der SchweiĂarbeiten innen gereinigt werden, um mit der Montage der Komponenten im Plasmagefäà zu beginnen.
Um eine unsymmetrische Belastung der Divertoren zu verhindern, darf die Stärke von StĂśr-Magnetfeldern hĂśchstens 10â4 der Stärke des Hauptfeldes betragen. Dies bedeutet, dass die supraleitenden Kabel nach Zusammenbau nur etwa 1 mm von ihrer Designposition entfernt sein dĂźrfen. Symmetrische Fehler, wie sie beim gleichmäĂigen Wickeln der Spulen unvermeidbar sind, dĂźrfen dagegen wesentlich grĂśĂer sein. Herstellungsprozess und Zusammenbau jeder individuellen Spule wurden daher mit metrologischen Verfahren genau verfolgt und gefundene Abweichungen beim jeweils nächsten Schritt berĂźcksichtigt.
Wegen der geforderten Genauigkeit und der schlechten Zugänglichkeit im Fall einer nachträglichen Reparatur wurde die ganze Montage von ausfßhrlichen Vermessungsarbeiten begleitet. Die komplexe Montage spiegelt auch den Experimentcharakter des W7-X wider, bei dessen Optimierung experimentelle Flexibilität vor technisch einfacherer Realisierbarkeit gestellt wurde.
Zudem muss die Gasdichtigkeit des Experimentes sichergestellt werden. Die DichtheitsprĂźfung der verschiedenen Komponenten des Experimentes erfolgt mit den Testgasverfahren der DIN EN 1779cite-ref-17[17] mit dem Edelgas Helium sowie mit einem am Institut entwickelten partiellen Vakuumverfahren, dem sogenannten UST-Verfahren.cite-ref-18[18]cite-ref-19[19]
Erste Betriebsphase
Im Mittelpunkt der bis etwa Mitte März 2016 durchgefĂźhrten ersten Betriebsphase (Operationsphase OP1.1) standen zunächst technische Untersuchungen zum Plasmastart, zu Heizung und Diagnostik und zur Experimentsteuerung.cite-ref-tsp2015-24-0[24] Es wurden 2200 Untersuchungen an mit Mikrowellen geheizten Plasmen durchgefĂźhrt.cite-ref-mk2016-25-0[25]cite-ref-26[26]cite-ref-rcw2017-27-0[27] FĂźr die nächste Betriebsphase (OP1.2) erfolgte der Einbau eines ungekĂźhlten Testdivertors, die Auskleidung des PlasmagefäĂes mit 8000 Grafitkacheln und der Ausbau von Plasmaheizsystemen. Dies erlaubte einen Betrieb bis zu 10 s mit 8 MW ECRH- oder Neutralteilcheninjektion (NBI).cite-ref-28[28] Im Vergleich zur ersten Betriebsphase wurde eine Steigerung des Tripelprodukts um den Faktor 8 erreicht: Temperatur der Ionen â 3.4 keV, Dichte â 8¡1019 mâ3, Einschlusszeit = 200 ms. Je nach eingestellten Parametern konnten Plasmaentladungen bis zu 30 Sekunden (bei 5 MW Heizung) und 100 Sekunden (bei 2 MW Heizung) erzielt werden. Ziel der OP1.2 (Juli bis Oktober 2018) war es, die Richtigkeit der berechneten Optimierung experimentell zu ĂźberprĂźfen und ein integriertes Hoch-Dichte-Szenario als Basis fĂźr den in der zweiten Operationsphase (OP2) angestrebten Hochleistungs-Langpulsbetrieb zu entwickeln.cite-ref-29[29] Dazu nĂśtig sind Kontrolle und Verständnis der magnetischen Konfiguration auch mit steigendem Plasmadruck, die Kontrolle der radialen Profile von Elektronen- bzw. Ionentemperatur und der Teilchendichte sowie eine hinreichend niedrige Verunreinigungskonzentration im Plasmazentrum. Ein Schwerpunkt sind auf den Divertorbetrieb zugeschnittene Bedingungen am Plasmarand, insbesondere mit tolerablen Belastungen der Divertorplatten.cite-ref-30[30]cite-ref-31[31]
Umbau und zweite Betriebsphase
Fßr die zweite Betriebsphase OP2 ab September 2022cite-ref-32[32] war geplant, dass Wendelstein 7-X eine Heizleistung von 10 MW ßber eine Entladungsdauer von 30 Minuten erreichen soll. Dazu wurden innerhalb von drei Jahren ein gekßhlter, langpulsfähiger Divertor eingebaut, alle anderen Elemente, die mit dem Plasma in Kontakt kommen, mit einer Wasserkßhlung ausgestattet sowie das Kryosystem, die Plasmaheizungen und die Messsysteme erweitert.
Nach dem Umbau erreichte die Anlage im Februar 2023 einen Energieumsatz von 1,3 Gigajoule. Damit steigerte sie den Bestwert aus der Zeit vor dem Umbau um den Faktor 17. Die Plasmaentladung erfolgte Ăźber einen Zeitraum von 8 Minuten.cite-ref-33[33]
Strahlenschutzaspekte
Wendelstein 7-X untersucht lediglich Plasmen aus Wasserstoff (H) oder Deuterium (D), verwendet also kein Gemisch aus Deuterium und Tritium, wie es fßr spätere Fusionsreaktoren nÜtig ist. Der Verzicht hierauf reduziert die Freisetzung von Neutronen und ermÜglicht den Zugang zur Anlage und den sie umgebenden Instrumenten jeweils direkt nach Beendigung jedes Versuchs. Dies erleichtert Modifikationen fßr Folgeversuche. Während des Betriebes ist jedoch der Zugang zur Torushalle aus Sicherheitsgrßnden (Gefahr von Spannungsßberschlägen, gespeicherte Energie in den Magnetfeldern) generell nicht mÜglich.
FĂźr den Normalbetrieb ist Wasserstoff als Arbeitsgas vorgesehen. DarĂźber hinaus sollen Experimente mit Deuterium durchgefĂźhrt werden, um auf die Eigenschaften eines Plasmagemisches aus Deuterium und Tritium zu extrapolieren. Dabei kĂśnnen in geringem MaĂe Fusionsreaktionen zwischen Deuterium-Kernen auftreten, bei denen Neutronen freigesetzt werden. Um diese abzuschirmen, ist die Torushalle mit einer etwa 1,8 m dicken Wand aus boriertem Beton umgeben. Bor ist ein starker Neutronenabsorber; in der Absorptionsreaktion entsteht neben einem Li-7-Kern und einem Alphateilchen auch ein Gammaquant der Energie 478 keV, das aber in der massiven Betonabschirmung absorbiert wird.cite-ref-34[34] Somit besteht unmittelbar auĂerhalb der Torushalle kein Ăberwachungsbereich im Sinn des Strahlenschutzes, d. h., es kann gearbeitet werden, ohne dass ein Dosimeter zur Ăberwachung getragen werden muss.
Beim Betrieb mit Deuterium kÜnnen durch Neutronen in sehr geringer Menge insbesondere Komponenten des Stahls (von Bedeutung ist Cobalt) aktiviert werden. Um dies zu minimieren und nicht im Lauf der Jahre allmählich den Zugang zur Anlage beschränken zu mßssen, werden fßr Bauteile innerhalb der Betonhßlle nur ausgesuchte Stahlsorten verwendet.
Durch die Bewegung der Elektronen und Ionen im Plasma entsteht auĂerdem RĂśntgenstrahlung, die aber bereits vom Plasmagefäà abgeschirmt wird.
Entsprechend den Anforderungen des Strahlenschutzes und in Vorbereitung der Betriebsgenehmigung der Forschungsanlage wurde vom Landesamt fĂźr Gesundheit und Soziales (LAGUS) Mecklenburg-Vorpommern als GenehmigungsbehĂśrde beim TĂV SĂźd als unabhängigem Gutachter im Februar 2013 ein Strahlenschutzgutachten in Auftrag gegeben.
Das Gutachten wurde im Oktober 2013 verĂśffentlichtcite-ref-lagus-mv-regierung-de-35-0[35]. Darin wurde festgestellt, dass die Forschungsanlage Wendelstein 7-X den Anforderungen des Strahlenschutzes âvollumfänglichâ gerecht wird. In den Jahren 2014 und 2015 fanden entsprechende PrĂźfungen durch den TĂV Rheinland statt. Jens-Uwe Schmollack, Projektleiter bei TĂV Rheinland, erklärte im Februar 2016 dazu: âWir haben die vorhandenen Regelwerke unter BerĂźcksichtigung des aktuellen Standes von Wissenschaft und Technik fĂźr diesen Spezialfall unter Sicherheitsaspekten vĂśllig neu ausgearbeitet.âcite-ref-36[36]
Kritik
Im Sommer 2012 kritisierte der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern des Bundes fĂźr Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der die Kernfusion insgesamt ablehnt, den Errichtungsprozess der Experimentanlage. Dieser beinhalte nach Ansicht des Umweltverbandes schwere Mängel im Bereich der Strahlensicherheit.cite-ref-37[37] Dabei berief sich der BUND auf eine Sichtung der vom Landesamt fĂźr Gesundheit und Soziales (LAGUS) Mecklenburg-Vorpommern als GenehmigungsbehĂśrde gefĂźhrten Akten. BefĂźrchtet wurde unter anderem eine fehlerhafte Zusammensetzung des fĂźr die Abschirmung der Anlage verwendeten Strahlenschutzbetons, Risse im Hallendach, eine ungenĂźgende Abschirmung von Neutronen am Hallentor, zu hohe Tritiumwerte in der Abluft sowie der mĂśgliche Austritt von verstrahltem KĂźhlwasser ins Ăśffentliche Abwassernetz im Katastrophenfall (zu technischen Grundlagen dieser Strahlenschutzaspekte s. o.). Um die Stellungnahme des Max-Planck-Instituts zu den Bedenkencite-ref-38[38] zu hinterfragen, berief die GenehmigungsbehĂśrde den TĂV SĂźd als unabhängigen Gutachter. Das Gutachten stellt fest: âMit den vorgelegten Unterlagen und den erweiterten Untersuchungen (Kernbohrungen, Berechnungen zur Abschirmwirkung und Variation der Betonparameter [âŚ]) konnte nachgewiesen werden, dass der gemäà den Anforderungen an die Betonparameter errichtete BaukĂśrper (Torushalle und Tore) den Anforderungen des Strahlenschutzes hinsichtlich ErfĂźllung des Schutzzieles vollumfänglich durch eine fachgerechte Planung (Materialien, Dimensionierung) und qualitätsgerechte RohbauausfĂźhrung gerecht wird. Er garantiert insbesondere die zuverlässige Einhaltung der Grenzwerte der effektiven Dosis im Kalenderjahr fĂźr das Personal, die BevĂślkerung und die Umwelt nach §§ 46 und 55 StrlSchV [âŚ].âcite-ref-lagus-mv-regierung-de-35-1[35] Trotzdem blieb der BUND bei seiner Auffassung, dass dieses Gutachten des TĂV SĂźd die notwendige Klärung der Strahlensicherheit nicht umfassend herbeifĂźhren konnte.cite-ref-39[39] Die damalige Ministerin fĂźr Arbeit, Gleichstellung und Soziales kam zu folgendem Urteil:
âDie Sicherheitsbedenken zur Abschirmwirkung der Torushalle sind durch das Gutachten vollständig entkräftet.â
â
Manuela Schwesig
:
Landesamt fĂźr Gesundheit und Soziales
Die vom Landesamt fßr Gesundheit und Soziales am 10. Dezember 2015 erteilte Betriebsgenehmigung enthält Auflagen, die vor allem den späteren Betrieb mit Deuterium als Fßllgas betreffen.
Finanzierung
Das Projekt Wendelstein 7-X wird zu etwa 80 % aus nationalen Mitteln und zu etwa 20 % von der Europäischen Union finanziert. Die USA beteiligen sich im Rahmen des Programms âInnovative Approaches to Fusionâ des amerikanischen Energieministeriums mit 7,5 Millionen Dollar. Die nationale Finanzierung erfolgt im Verhältnis 9:1 durch den Bund und das Land Mecklenburg-Vorpommern. Die Investitionen fĂźr das Stellaratorexperiment (Ăźber die Jahre 1997â2014 summiert) betragen 370 Millionen Euro. Die Gesamtkosten fĂźr den IPP-Standort Greifswald, also die Investitionen plus Betriebskosten (Personal und Sachmittel), betragen fĂźr diesen Zeitraum von 18 Jahren 1,06 Milliarden Euro. Dies ist wegen der langen Aufbauphase (Personalkosten) mehr als doppelt so viel wie ursprĂźnglich veranschlagt.cite-ref-41[41]
Kooperationspartner
Deutschland
Europa
⢠Commissariat Ă lâĂŠnergie atomique et aux ĂŠnergies alternatives (Frankreich)
⢠Centro de Investigaciones EnergÊticas, Medioambientales y Tecnológicas (Spanien)
⢠INP Krakau und National Centre for Nuclear Physics (Polen)
⢠Institute of Plasma Physics and Laser Microfusion, Warschau (Polen)
⢠KFKI Research Institute for Particle and Nuclear Physics of the Hungarian Academy of Sciences (Ungarn)
⢠Trilateral Euregio Cluster (Deutschland/Belgien/Niederlande)
Vereinigte Staaten
Japan
⢠National Institute for Fusion Science
Weblinks
Commons
: Wendelstein 7-X
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
⢠Wendelstein 7-X. Max-Planck-Gesellschaft, Mßnchen, abgerufen am 14. Oktober 2016.
⢠Interview mit Thomas Klinger, dem wissenschaftlichen Leiter des Wendelstein-7-X. Resonator Podcast der Helmholtz-Gemeinschaft, 19. Mai 2014, abgerufen am 30. Juni 2014.
⢠Frank Rieger und Felix âFefeâ von Leitner: AusfĂźhrlicher Talk mit Thomas Klinger und Adrian von Stechow bei alternativlos.org. In: alternativlos.org. 19. April 2016, abgerufen am 19. April 2016.
⢠Frank Rieger und Felix âFefeâ von Leitner: Nachbesprechung bei alternativlos.org. In: alternativlos.org. 21. Mai 2023, abgerufen am 21. Mai 2023.
⢠idw-ticker, 2. Dezember 2009: Alle Hauptkomponenten fßr Wendelstein 7-X fertig gestellt (mit Bildern)
⢠idw-ticker, 11. Februar 2010: Kßhle Unterwelt fßr Wendelstein 7-X fertiggestellt
⢠Richard A. Fuchs: Energie erzeugen wie die Sonne. DW World, 9. März 2010, abgerufen am 30. Juni 2014.
⢠idw-ticker, 7. Juli 2011: USA beteiligen sich an Fusionsprojekt Wendelstein 7-X
⢠Gßnter Paul: Amerika heizt mit im Sonnenofen. faz, 6. August 2011, archiviert vom Original am 11. August 2011; abgerufen am 30. Juni 2014.
⢠Kernfusionsexperiment âWendelstein 7-Xâ vor dem Start. heise.de, 19. Mai 2014, abgerufen am 30. Juni 2014.
⢠Holger Dambeck und Benjamin Braden: Kernfusionsanlage Wendelstein 7-X: Diese kßnstliche Sonne soll alle Energieprobleme lÜsen. In: Spiegel Online. 10. Dezember 2015, abgerufen am 10. Dezember 2015.
⢠Analyse bestätigt Konzept von Wendelstein 7-X
Videos
⢠Wendelstein 7-X â Von der Idee zur technischen Umsetzung auf YouTube, vom 20. November 2013
⢠Wendelstein 7-X: Das erste Helium-Plasma, Max-Planck-Institut fßr Plasmaphysik, 2015 auf YouTube
⢠GroĂexperiment âWendelstein 7-Xâ: Hier kommt die Sonne, Der Spiegel, 2015 auf YouTube
⢠Stellarator Wendelstein 7-X - Bericht, GolemDE, 2015 auf YouTube
⢠Wendelstein 7-X â Festakt zum ersten Wasserstoffplasma, Max-Planck-Institut fĂźr Plasmaphysik, 2016 auf YouTube
⢠Bernd Hopp: Interview mit Adrian von Stechow vom Wendelstein 7X - follow-up zum Alternativlos-Podcast auf YouTube, vom 2. Oktober, 2017
⢠Fusionsforschung: Stellarator Wendelstein 7-X in Greifswald, 2020 auf YouTube
Einzelnachweise
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cite-note-55. â Matthias Lindner: Meilenstein fĂźr die Kernfusion: Wendelstein 7-X stellt neuen Weltrekord auf. 3. Juni 2025, abgerufen am 4. Juni 2025.
cite-note-77. â Max-Planck-Institut fĂźr Plasmaphysik. 50 Jahre Forschung fĂźr die Energie der Zukunft
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cite-note-402. lagus.mv-regierung.de (Memento vom 3. November 2013 im Internet Archive)Vorlage:Webarchiv/Wartung/Linktext_fehlt Linktext fehlt.
cite-note-4141. â FAZ: Start frei fĂźr deutschen Sonnenofen vom 10. Dezember 2015
54.07301388888913.423516666667coordinatesKoordinaten: 54° 4Ⲡ22,9ⳠN, 13° 25Ⲡ24,7ⳠO